
Gründer-Journal · 11. Juli 2026
Gründen in Deutschland vs. Estland, Niederlande, Portugal: Was Daten zeigen
Die Eurostat-Steuerquote zeigt Deutschland nahe an den Niederlanden – der eigentliche Unterschied zu Estland und Portugal liegt im Verfahren, nicht im Steuersatz.
24,4 Prozent: Deutschland liegt im EU-Mittelfeld
Die Eurostat-Zahlen für 2022 messen die Steuer- und Abgabenquote des gesamten Staatssektors (Sector S13) gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Dänemark führt mit 42,2 Prozent, gefolgt von Schweden mit 40 Prozent. Am unteren Ende steht Irland mit 17,1 Prozent, ein Wert, der auch die vielen multinationalen Konzerne widerspiegelt, die dort Gewinne verbuchen, ohne entsprechend viel wirtschaftliche Substanz zu verlagern. Deutschland liegt mit 24,4 Prozent nahe an den Niederlanden (25,2 Prozent), deutlich unter Frankreich (30,9 Prozent) und Österreich (28 Prozent), aber über Polen (21,2 Prozent). Für die Standortwahl sagt diese Zahl allein wenig darüber, wie lange eine Gründung dauert oder wie viele Formulare sie kostet.
Steuer- und Abgabenquote 2022 (Sector S13, % des BIP)
Quelle: Eurostat gov_10a_taxag, 2022
Estland macht die Gründung zur Bildschirmarbeit
Estland vergibt seit 2014 die e-Residency, eine digitale Identität für Nicht-Esten. Damit lässt sich eine estnische Kapitalgesellschaft (OÜ) online gründen, verwalten und besteuern: Gesellschafterbeschlüsse, Jahresabschluss, Bankanbindung, alles über das staatliche Online-Portal. Estland besteuert Unternehmensgewinne zudem erst bei Ausschüttung, nicht bei Erwirtschaftung, was reinvestierte Gewinne vorerst steuerfrei lässt. Physische Präsenz in Tallinn ist für die laufende Verwaltung nicht nötig, ein Termin bei einer estnischen Auslandsvertretung zur Abholung der digitalen ID-Karte bleibt aber Pflicht. Der Verwaltungsaufwand wird digitalisiert, entfällt dadurch aber nicht.
Die Niederlande verlangen kein Mindestkapital, Deutschland schon
Für die deutsche GmbH schreibt das GmbH-Gesetz 25.000 Euro Stammkapital vor, mindestens die Hälfte fällig bei der notariellen Beurkundung. Die Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) senkt diese Hürde auf einen symbolischen Euro, muss dafür aber Gewinne bis zum Erreichen der vollen GmbH-Kapitaldecke zurücklegen. Die Niederlande haben mit der Flex-BV-Reform von 2012 das gesetzliche Mindestkapital für die BV, vormals 18.000 Euro, komplett abgeschafft. Wer eine niederländische BV gründet, kann das faktisch mit einem symbolischen Betrag Stammkapital tun. Wer allerdings operativ in Deutschland tätig bleibt, zahlt hier trotzdem Steuern und meldet eine Betriebsstätte an, der Kapitalvorteil bei der Gründung ist damit nur ein Baustein von mehreren.
Der Ease-of-Doing-Business-Index existiert nicht mehr
Die Weltbank hat ihren "Ease of Doing Business"-Bericht 2021 eingestellt, nachdem eine externe Prüfung Unregelmäßigkeiten bei der Datenerhebung für einzelne Länder festgestellt hatte. Wer heute nach der Deutschland-Platzierung sucht, findet nur noch die eingefrorene letzte Ausgabe von 2020, kein aktuelles, jährlich vergleichbares Ranking. Die Weltbank baut seither ein Nachfolgeprogramm auf, das den bisherigen Bericht ersetzen soll. Für Gründer, die Standorte vergleichen wollen, bedeutet das: Einzelquellen wie die Eurostat-Steuerstatistik, nationale Handelsregisterdaten oder Berichte der jeweiligen Wirtschaftsförderungen ersetzen den einen großen Vergleichsindex. Aufwendiger, aber nicht unmöglich.
Portugal ersetzt Verhandlungsspielraum durch Standardisierung
Portugal betreibt mit "Empresa na Hora" (wörtlich: Firma in der Stunde) ein Schalterverfahren, bei dem Gründer aus einer Liste vorgefertigter Standardsatzungen und Firmennamen wählen und die Gesellschaft direkt am Schalter eintragen lassen. Das Verfahren, seit 2005 im Einsatz, funktioniert nur deshalb so schnell, weil es individuelle Satzungsgestaltung durch feste Vorlagen ersetzt. Wer vom Standard abweichen will, etwa bei Gesellschafterrechten oder Gewinnverteilung, landet wieder beim klassischen, langsameren Weg über Notar und Handelsregister. Standardisierung beschleunigt die Gründung, sie kostet Flexibilität an anderer Stelle.
- Steuerquote (Eurostat): misst die gesamtstaatliche Abgabenlast, ist aber kein Indikator für Gründungshürden
- Mindestkapital: 25.000 Euro bei der GmbH, ein symbolischer Betrag bei der niederländischen BV seit 2012
- Verwaltungsweg: Notar und Handelsregister in Deutschland, Online-Portal bei der estnischen e-Residency, Schalterverfahren bei Portugals Empresa na Hora
- Vergleichsdaten: kein aktueller Ease-of-Doing-Business-Index mehr seit 2021, Einzelquellen wie Eurostat müssen die Lücke füllen
Steuerquote und Gründungsaufwand sind zwei verschiedene Fragen
Deutschland liegt bei der Steuer- und Abgabenquote im europäischen Mittelfeld, nah an den Niederlanden und klar unter Dänemark oder Frankreich. Der Unterschied zu Estland liegt weniger in der Steuerlast als im Verfahren: online statt Notar, Standardformular statt Einzelfallprüfung. Wer allein wegen niedrigerer Bürokratiekosten ins Ausland gründet, aber operativ in Deutschland verkauft, verlagert nur den Papierkram, aber nicht die Steuerpflicht.
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